Das war’s. Seit einer guten Stunde liegt nun auch das zweite und damit letzte Semester an der University of Western Sydney (UWS) hinter mir. In den vergangenen zehn Monaten habe ich acht Kurse belegt, sieben Vorlesungen regelmäßig auf dem Parramatta Campus besucht, fünf Dozenten zugehört, rund fünfzig weitere Postgraduate Diploma- und Master-Studenten kennengelernt, achtundzwanzig Gruppen- und Hausarbeiten unterschiedlicher Länge geschrieben, elf Präsenzprüfungen absolviert und neun kleine “Bindings” á A$ 1.10 gekauft, so dass mir noch von den A$ 10.00, mit denen ich meine Studentenkarte im Februar aufgeladen hatte, noch recht genau A$ 0.10 verbleiben…
Was habe ich gelernt?
Fachlich sicherlich nicht all zu viel. Ein wenig über Netzwerktechnik, ein wenig über Content Management Systeme und Web Entwicklung, ein wenig über Web Analytics und Blogs und ein wenig mehr über Workflow Management. Alles in allem nicht sonderlich viel; gerade im Bereich “Web Technologies” hatte ich mir deutlich mehr erhofft. Wo das doch der Name der Vertiefungsrichtung ist, der meine Kurswahl widerspiegeln soll…
Ich denke jedoch dass eine ausschließliche Betrachtung der fachlichen Seite nicht weit genug reicht. In dem Studiengang an dem ich teilgenommen habe, gab es Studenten aus aller Herren Länder: Australien, China (und Hongkong), Indien, Vietnam, Malaysia, Saudi-Arabien, Pakistan, Bahrain, usw. usf. … und schließlich mich, als einzigen Deutschen. Die wesentliche Erfahrung des Studiums besteht für mich daher wohl darin, mit verschiedensten Charakteren zusammengearbeitet und dabei eben diese, ihr Verhalten und auch einen Teil ihrer Kultur kennengelernt zu haben. Und das ist es wohl auch, was ich im Januar mit nach Deutschland nehmen werde: Einen etwas weiter gefassten Blick auf die Vielfalt der Kulturen dieser Erde – konzentriert in Sydney, noch konzentrierter in Parramatta und auf den Punkt gebracht in dem Hörsaal meiner Vorlesungen. Zahlreiche Gruppenarbeiten haben mir sowohl die Vorteile als auch die Nachteile unterschiedlicher Wertehierarchien und Tugenden verdeutlicht. Das Zusammenleben in unserer 6er- bzw. inoffiziellen 8er-WG hat mir gelegentlich die Grenzen der Vereinbarkeit eben jener Kulturen aufgezeigt. Nicht nur jetzt, wo in der Küche eine Mischung aus Meerestieren auftaut, die schon seit gestern durch und durch auf Raumtemperatur ist und womöglich erst morgen verspeist werden soll…
Aber je länger ich darüber nachdenke, umso mehr glaube ich doch noch etwas von Bedeutung an der UWS gelernt zu haben. Mein Bachelor-Studium begann damals mit der Studieneinheit “Wissenschaftliches Arbeiten”. Und obwohl ich nicht mehr weiß was ich damals gelernt habe, so bin ich doch recht sicher, dass ich dem Anspruch des Themas nichts gerecht geworden bin, jedenfalls wurde mir das auch in der Bewertung meiner Bachelor-Thesis vorgehalten. Im Wirtschaftsinformatik-Studium an der FH Kiel wurde uns im “Management Projekt 1″ dann “der Theissen” wieder und wieder reingeknüppelt. Im Nachhinein denke ich dass das gar nicht so verkehrt war, jedenfalls fiel die Bewertung meiner Master-Thesis schon ein ganzes Stück besser aus. An der UWS arbeite ich nun aktuell noch in Zusammenarbeit mit zwei Professoren an zwei Fachartikeln, die publiziert werden sollen. Auch wenn dies möglicherweise nicht gelingen wird, so denke ich dennoch, dass ich auf dem bisherigen Weg eine ganze Menge neuer Erfahrungen habe sammeln können und nun mehr denn je in der Lage bin, auch einmal einen wissenschaftlichen Beitrag zu leisten. Nur an meinen Statistik-Kenntnissen muss ich bei Gelegenheit noch ein wenig arbeiten…
Nun ja, wie dem auch sei. Heute vormittag hatte ich also die letzte Prüfungsleistung meines Studiums an der UWS, eine Präsentation im neuen “Access Grid”. Ich war nicht schlecht beeindruckt: Die zuhörenden Professoren und ich wurden von vier Kameras gefilmt und zusammen mit der Präsentation in herausragender Qualität auf die anderen Campus der UWS übertragen. Die dortigen Zuhörer konnten wir wiederrum auf einem der vier Beamerprojektionen erkennen und über das angeschlossene Lautsprechersystem klar und deutlich verstehen. Eine Installation, die umso beeindruckender war, als dass es keinerlei Probleme gab; kein Vergleich mit den Video-Konferenzen, die ich noch aus OTTO-Zeiten gewohnt war… Die Präsentation an sich lief auch rund; ich war gut in dem Thema drin, konnte die aufkommenden Fragen gut beantworten und noch einige interessante Anregungen mitnehmen.
Das war’s also. Zur Feier des Tages werde ich mir nun wohl eine Godfather-Pizza kaufen und über die (scherzhafte?) Einladung des Head of School senieren, ich könne meinen Phd an der UWS in den kommenden drei Jahren von Deutschland aus machen.
… möglicherweise mit Hilfe eines erweiterten “Access Grids”!?
Und nun?
Nun bleibt noch ein Monat Zeit, bevor Lisa und ich noch ein letztes Mal auf Reise gehen und ehe es dann zurück nach Deutschland geht. Während dieser Zeit werde ich an den besagten Fachartikeln arbeiten und versuchen mit meinem MBA an der Euro-FH möglichst weit voran zu kommen. In Hamburg warten schließlich zahlreiche Herausforderungen auf mich, die sicherlich viel Zeit und Engagement brauchen werden…
Nachtrag vom Abend
Es gab doch keine Godfather-Pizza zur Feier des Tages. Einer meiner Mitbewohner hatte eindeutig zu viel Hühnchen und Satay-Reis gekocht… Manchmal hat so eine WG auch ihre Vorteile.
Autor: Andre Kolell
Datum: Montag, 9. November 2009, um 4:20 Uhr
Themen: Ein Jahr in Australien, MICT-Studium an der UWS, Persönliches
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